Episode 1 – Warum tun wir uns das an?


Um uns der Antwort dieser Frage zu nähern sollten wir beim Urschleim anfangen.
1752 wurde dieses Haus als Vierseithof erbaut. Es war das Wohnhaus der Angestellten eines Gutshofes. Irgendwann hat es zwei Brüdern gehört. Die beiden stritten sich und zogen einfach eine Mauer mitten durch das Grundstück. Diese Grenze gibt es heute noch. Sieht ganz nett aus.
Meine Uroma und mein Uropa arbeiteten für den Gutshof als Magd und Kutscher. 1931 wurde meine Oma geboren und verbrachte ihr ganzes Leben in dem Haus. Nach dem zweiten Weltkrieg durfte die Familie das Haus, das Grundstück, Felder und Wälder behalten. Meine Oma lernte meinen Opa kennen und 1967 wurde meine Mutter geboren. Auch sie wuchs dort auf. Sie zog mit meinem Vater nach der Geburt meines Bruders erstmal aus.
Meine Eltern bauten 1988 im Nachbardorf eine Doppelhaushälfte. Dort bin ich mit meinem Bruder aufgewachsen. Wir waren sehr oft bei unseren Großeltern und ich habe wirklich großartige Kindheitserinnerungen vom Haus, Garten und den ganzen Tieren. Wenn ich die Erinnerungen jetzt aufzähle, sprengt das den Rahmen und ich breche wahrscheinlich in Tränen aus.
Okay, zu spät, die Dämme sind soeben gebrochen.
2005 kam es für meinen Vater Schlag auf Schlag. Seine Firma wurde insolvent und wir mussten unser Haus verkaufen. Eine Mietwohnung kam für meine Eltern nicht in Frage. Also beschlossen sie den alten Schweinestall, den Taubenschlag und den Dachboden für uns auszubauen. Das schwarze Loch 1.0 sozusagen. Damals war ich vollständige Teenagerin. Mit allem was dazu gehört. Vor allem waren meine Eltern seltsam und unglaublich anstrengend. Da kamen die mit der Idee daher, in dieses Dorf zu ziehen, indem es nix gibt, außer einem Bäcker und einer Bedarfshaltestelle der Regionalbahn. Echt jetzt? Hier soll ich also jetzt verrotten, bis ich den Führerschein habe? Ich hasse euch dafür und für eine Millionen anderer Dinge – pro Minute. Damals.
Nachdem ich es tatsächlich geschafft hatte dort eine Ewigkeit zu überleben (2,5 Jahre waren es, die Teenie – Zeitrechnung ist ja bekanntlich eine andere) ohne völlig einzugehen, zog ich in die große Hansestadt an der Elbe. Hauptsache weg, weit weit weg. Ich sollte jedoch wiederkommen und mir ein eigenes Leben mit allem spießigen Schnickschnack aufbauen. Allerdings vorerst in der nächst größeren Stadt. 2016 war dann ein schweres Jahr. Meine Oma wurde schwer krank, wir pflegten sie zu Hause und waren ganz nah bei ihr, als sie von uns ging. Gleichzeitig begleiteten wir die Mutter meines Freundes auf dem gleichen Weg. Manche Jahre sind härter als andere. Diese Einsicht habe ich jetzt, mit ein bisschen Abstand.
Irgendwie schwebte die Idee ,die Haushälfte in der meine Oma lebte, nicht verkommen zu lassen schon immer dunkel in mir. Mit ihrer Krankheit und dem Bewusstsein, dass sie bald nicht mehr da sein wird und meine Eltern dann nur noch zu zweit auf dem riesigen Hof leben, wurde die Idee immer klarer und meine Mission war da. Wir bauen um und ziehen hier her. In dieses Dorf mit dem Bäcker und der Bedarfshaltestelle der Regionalbahn. Ich muss echt irre sein. Aber mit meinem Freund an der Seite bin ich unschlagbar. Wir schaffen das schon. Dachten wir damals und reden wir uns heute immer wieder ein. Mittlerweile haben wir Herbst 2019 und das Haus ist immer noch nicht fertig. Wir dafür umso mehr.
Auf diese verrückte, emotionale und spannende Reise möchte ich euch mitnehmen. Ihr werdet erfahren wie es ist, sich ein eigenes schwarzes Loch zu kreieren oder einen eigenen kleinen Berliner Flughafen zu haben.
Ich freue mich euch das alles erzählen zu dürfen. Stay tuned and fasten your seat belts. Es wird turbulent.

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